Rückblick

Gedenkveranstaltung Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 2026 erinnerte die Gemeinde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Nationalsozialismus. Nach der Begrüßung der Anwesenden eröffnete Stephan Wapenhans das Programm mit einer Lesung aus Werken von Elie Wiesel. Die emotional vorgetragenen Texte aus den Zeitzeugenberichten des Holocaustüberlebenden und Friedensnobelpreisträgers bewegten die rund 40 Gäste und machten das unfassbare Leid der Vergangenheit eindrücklich spürbar.

Im Anschluss an die Rede des Bürgermeisters setzte Esra Artuk, Schülerin der 9. Klasse des örtlichen Heinitz-Gymnasiums, einen besonderen Akzent. In ihrer eindrucksvollen Ansprache mahnte sie zu Wachsamkeit und unterstrich die bleibende Bedeutung des Erinnerns – gerade für die jüngeren Generationen.

Die Rede des Bürgermeisters anbei im Wortlaut (es gilt das gesprochene Wort):

Sehr geehrte Anwesende,

heute vor 81 Jahren befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ein Ort, der wie kein anderer für die menschenverachtenden Taten der Nationalsozialisten steht. 

Diese Geschichte ist keine ferne, abstrakte Vergangenheit. Sie hat auch bei uns hier in der Gemeinde Spuren hinterlassen. Die Stolpersteine in Herzfelde sind solche stummen Zeugen. Es wäre mir ein großer Wunsch, dass wir auch diese Geschichte für die anderen Ortsteile weiter aus- und aufarbeiten.

Aber solange wir noch die Chance haben, sollte es nicht nur ein Tag des Erinnerns sein, sondern auch ein Tag des Zuhörens. Die Möglichkeiten, denjenigen zuzuhören, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebt oder gar die Konzentrationslager überlebt haben, werden von Jahr zu Jahr geringer.

Die Chancen zuzuhören werden kleiner – die Notwendigkeit, so scheint es, wird größer.

Auch wenn es die nicht unberechtigte These gibt, dass der Geist von damals nie ganz verschwunden war, so war er lange Zeit zumindest nicht laut vernehmbar. Das hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert.

Wir stehen heute vor einer großen gesellschaftlichen Herausforderung. Wir müssen gesellschaftliche Unzufriedenheit aushalten, Kritik akzeptieren und als notwendig begreifen. Zugleich müssen wir klare Stoppzeichen setzen und deutlich machen: Überforderung, Unsicherheit und Unzufriedenheit mit einer komplexen, multipolaren und vielschichtigen Welt rechtfertigen nicht, Hass und Hetze zu folgen.

Gleichzeitig müssen wir Antworten finden für jene, die sich nach einfachen Antworten sehnen. Für diejenigen, denen der Verweis auf komplizierte Zusammenhänge wie eine Ausrede erscheint. Auch diesen Menschen müssen wir zuhören. Versuchen zu verstehen, was sie bewegt – ohne zu verurteilen, aber mit dem klaren Auftrag, demokratische Lösungen aufzuzeigen.

Als Gemeinde, als unterste staatliche Ebene und damit scheinbar unmittelbar verantwortlich für die Lebenswirklichkeit vieler Menschen, kommt uns dabei eine besondere Rolle zu:

Heimat positiv zu besetzen – nicht ideologisch. 

Gemeinschaft als etwas Integratives und buntes zu verstehen – nicht als etwas Ethnisches.

Vertrauen in demokratische Prozesse vor Ort zu stärken und keinen Abgesang auf sie anzustimmen.

Das ist unsere Verantwortung.

Diese Verantwortung erwächst aus den Schrecken, die die Nationalsozialisten über unser Land und die Welt gebracht haben. Aus einer menschenverachtenden Ideologie, die systematisch Menschen vernichtete, die nicht in ihr Weltbild passten –weil sie anders glaubten, anders lebten. 

Diese Zahlen sind bekannt, und trotzdem sind sie bis heute kaum zu fassen. Was wir jedoch fassen und verstehen können, sind die Mechanismen, die Parallelen und die Verfehlungen, die diesen Weg damals bereitet haben. Diese zu erkennen, zu benennen und klare Haltung zu zeigen – das ist unsere Aufgabe.

Das ist, neben dem Zuhören, unsere Verantwortung. Diese Verantwortung beginnt nicht irgendwo – sie beginnt hier, in unserer Gemeinde.

Ich danke Ihnen.