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Kulturhaus "Martin Andersen Nexö"

Kulturhäuser für das Land (Kulturhaus "Martin Andersen Nexö")

 

Nur wenige Monate waren seit der Wiedervereinigung ins Land gegangen, da ver-meldete eine Nachrichtenagentur folgendes: 2.300 kommunale Kulturhäuser habe es in der DDR gegeben. Übrig geblieben sei genau eins: Rüdersdorf. Denn wie so vieles, was es in der Bundesrepublik nicht gab, wurden jene prägnanten „Monumente der Kulturrevolution“ nach der Wende rasant abgewickelt.
Es gab und gibt mancherlei Versuche, die Institution Kulturhaus in den Wortgebrauch der Bundesrepublik zu übertragen. Tatsächlich handelte es sich um staatlich initiierte, bezahlte und verwaltete Einrichtungen. Allerdings kam auch die Geselligkeit hier nicht zu kurz. Überdies hatten die Häuser einen klaren Auftrag: Die politische – aber durchaus auch die kulturelle – Erziehung einer breiten Bevölkerung im Land. Manche übersetzen die Kulturhäuser heute als soziokulturelle Einrichtungen in den bundesdeutschen Sprachgebrauch. Doch die „Soziokultur“ ist im Westen meist an Konflikte geknüpft, wie es sie in der DDR wiederum gar nicht geben konnte – etwa Hausbesetzungen oder Arbeitslosigkeit.
Nun waren die Kulturhäuser keine gänzlich neue Erfindung. Die deutsche Sozialdemokratie und die Gewerkschaften hatten um 1900 in den größeren Städten Volkshäuser errichtet. Die Sowjetunion förderte die „Kulturarbeit“ in Klubs oder Kulturpalästen. Die Nationalsozialisten wiederum ließen Kameradschaftshäuser für die Gefolgschaft errichten.
Die Ausgangssituation in der sowjetischen Besatzungszone war 1945 alles andere als rosig. Nicht allein die großen Städte, Verkehrsknoten und Industriebetriebe lagen in Schutt und Asche. Gerade der heutige Landkreis Märkisch-Oderland war durch die schwerste Schlacht des 20. Jahrhunderts auf deutschem Boden, die Schlacht auf den Seelower Höhen im April 1945, von verheerenden Zerstörungen betroffen. Viele Deutsche waren in den Monaten vor Kriegsende vor der herannahenden Front nach Brandenburg geflohen. Völlig unvorbereitet für Bevölkerung, Verwaltung und sogar die Besatzungsmacht kamen ab Sommer 1945 weitere Millionen Menschen gezogen, die ihre bisherigen Wohnorte östlich von Oder und Neiße hatten verlassen müssen.
Die Verantwortlichen standen also vor gewaltigen Herausforderungen, von denen Hunger, fehlende Arbeit und Wohnungen vielleicht die gravierendsten waren. Doch die neue Gesellschaftsordnung fühlte sich zu Hohem berufen, was der Kultur von Beginn an einen hohen Stellenwert verschaffte. Nicht zufällig waren die Theater in Weimar und Dresden die ersten Einrichtungen dieser Art, die nach dem Krieg in Deutschland wiederaufgebaut und bereits 1948 eingeweiht wurden. Die Kulturpolitik ging jedoch schon früh in die Fläche. So entstanden in Betrieben noch vor der Gründung der DDR Kulturecken oder Kulturbaracken. Das Pendant dazu auf dem Lande waren die „Bauernstuben“.
An die Stelle dieser provisorischen Kulturstätten rückte ab 1950 das Kulturhaus oder der Kulturpalast. Ein frühes Beispiel war der 1952 eingeweihte Kulturpalast Böhlen. Gewandelt hatte sich inzwischen allerdings das Architekturverständnis. In seiner Studie für kulturelle Zentren schwebte Hermann Henselmann 1950 noch „Heiterkeit und Lebensfreude“ im Sinne der Pavillonbauten des Bauhauses vor.

Denn: Repräsentation und Feierlichkeit seien den Menschen fremd! Nach 1950 wich die relative Offenheit der Kulturpolitik und Architektur in der jungen DDR. Von nun an sollten repräsentative Bauten der nationalen Tradition folgen. Dieser „sozialistische Klassizismus“, mitunter auch abschätzig als Stalin-Stil bezeichnet, verwendete in der Architektur durchaus auch regionale Formen und Zitate.
In der nunmehrigen DDR kamen Erfahrungen der Kulturrevolution in der Sowjetunion zum Tragen. Das reichte von dem feierlichen Gestus monumentaler Tempelfassaden bis zu ihrer Anbindung an die Produktion. Die Kulturhäuser wurden bevorzugt in den neuen Zentren von Industrie und Landwirtschaft errichtet. Vom damaligen SED-Parteichef Walter Ulbricht stammte der Ruf: „Arbeiter, stürmt die Höhen der Kultur!“
Ein prominentes Beispiel entstand ab 1954 in Rüdersdorf. An diesem Standort entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg der größte baustoffproduzierende Betrieb der DDR, der vor allem für den Wiederaufbau von Berlin von größter Bedeutung war. Bei einem Besuch im September 1953 kündigte Walter Ulbricht den Bau- und Bergarbeitern ein eigenes Kulturhaus an. Die Entwürfe für den dreigeschossigen Bau von Emil Leibold mündeten in ein Modell, welches den Arbeitern und Angestellten in allen Abteilungen vorgestellt und mit ihnen diskutiert wurde. Die ausgesprochen repräsentative Front für den dreigeschossigen Neubau auf dem Hasenberg wirkt bis heute mit ihren acht Säulen sowohl nach Norden als auch nach Süden hin weit in die Landschaft hinein. Sie verschaffte dem Kulturhaus den halb spöttischen, halb ehrfürchtigen Beinamen „Akropolis“.
Viele Rüdersdorfer folgten dem Beispiel von Werksdirektor Ernst Reißmann und beteiligten sich mit freiwilligen Arbeitseinsätzen am Aushub der Baugrube. In einer Bauzeit von nur 27 Monaten entstand ein in Qualität und baukünstlerischer Tiefe ausgesprochener Prachtbau, der heute beispielhaft für die DDR-Architektur der 1950er Jahre stehen kann. Säulen, Pilaster, Kapitelle und Friese verschönen das Bauwerk nach außen und im Inneren. Dank seiner Ähnlichkeit zu Marmor steigerte der verwendete Kalkstein noch die erhabene Wirkung.
Namhafte Künstler wurden gebunden. Von dem Berliner Kunstschmied Fritz Kühn, der den Brunnen am Strausberger Platz oder Metallarbeiten an Lindenoper und Zeughaus ausführte, stammen etwa die Ziergitter an der Fassade oder Metallarbei-ten im Boden des Kulturhauses. Der Hauptsaal für 550 Zuschauer erhielt ein Orchesterpodium und eine Bühne. Mit einer Nutzfläche von 2.500 qm gehörte es zu den größten seiner Art in der DDR.
Bei der Einweihung des Kulturhauses spielte am 12. Oktober 1956 das eigens im Vorjahr gegründete Kulturhausorchester Beethovens „Weihe des Hauses“. Anwe-send waren der Schriftsteller Willi Bredel und die Witwe des dänischen Dichters Martin Andersen Nexö, dessen Namen das Kulturhaus bis heute trägt. 70.000 bis 80.000 Besucher zählte die Einrichtung bis 1989 jährlich. Bredels Wunsch in der Eröffnungsrede, das Kulturhaus möge ein echtes Volkshaus werden, ging somit in Erfüllung. Für die hohe Frequenz sorgten aber nicht allein die Großveranstaltungen, ob Konzerte, Theateraufführungen und Kino, sondern auch die Vielzahl weiterer Angebote im Haus. Hier trafen sich die Briefmarkensammler ebenso wie die Tänzer des Balletts, der Fotoklub verfügte sogar über ein Fotolabor. Für Vorträge gab es ein Auditorium und der Rundfunk hatte einen eigenen Radioraum für Übertragungen.

Auch wenn die Gastronomie keine besonders hohen Ansprüche erfüllte, für Essen und Getränke wurde damals im Haus gesorgt.
Heute stellt das Kulturhaus Rüdersdorf ein in vielerlei Hinsicht herausragendes Baudenkmal dar. Städtebaulich durch seine markante Lage, funktional durch seinen ununterbrochenen Betrieb und baulich, weil es seit seiner Einweihung nahezu unverändert erhalten ist. Landeskonservator Dr. Thomas Drachenberg zeigte sich bei einer Besichtigung im Jahr 2017 denn auch ausgesprochen begeistert und schlug der Gemeinde eine Bewerbung im Förderprogramm „National wertvolle Kulturdenkmäler“ vor. Als Grundlage lässt die Kommune derzeit eine gründliche Bestandsaufnahme und Bestimmung des Handlungsbedarfs durch das renommierte Berliner Büro ProDenkmal vornehmen.
Nun ist das Rüdersdorfer Kulturhaus wohl das bekannteste, aber mitnichten das einzige seiner Art in Märkisch-Oderland. Noch in der Hand des Landkreises ist das Kulturhaus in der Kreisstadt Seelow. Der neoklassizistische Baukörper wurde auf der Grundlage von Typenmodellen der Deutschen Bauakademie von Hans Jürgen Kluge entworfen und im Jahr 1957 eingeweiht. Verglichen mit dem Rüdersdorfer Pendant scheint sich das Gebäude in Seelow jedoch förmlich in den Stadtkörper zu ducken. Zu DDR-Zeiten trug das Haus den Namen des Schriftstellers Erich Weinert, eine Büste von Herbert Burschik erinnert daran. Das mit einem großen und einen kleinen Saal ausgestattete und 1982 unter Denkmalschutz gestellte Kulturhaus wurde in den vergangenen Jahren grundhaft saniert. Es bietet ein breites Programm an kulturellen bis politischen Veranstaltungen. Im Januar 2020 überträgt der Landkreis die Einrichtung an die Kreisstadt.
Doch neben den Städten und Industriezentren suchte der Staat die Kultur ganz be-wusst auf das Land zu tragen. In Musterdörfern sollte die soziale Annäherung von Stadt und Dorf erfolgen. In ausgewählten zentralen Orten wurde seit den 1950er Jahren ein ganzes Spektrum an durchaus beachtenswerten Bauvorhaben realisiert. Neben der Zentralschule, dem Landambulatorium, dem Kindergarten und der Sportanlage gehörte dazu natürlich auch ein Kulturhaus.
Angesichts des hohen Zerstörungsgrades der Orte um Seelow erscheint diese Auf-bauleistung wenige Jahre nach Kriegsende umso größer. In den Kulturhäusern fanden neben Kinovorstellungen auch Lesungen, Vorträge, Theaterauftritte und künstlerisches Volksschaffen statt. Nicht immer stieß das hehre Ansinnen von Partei und Staat auf die entsprechende Gegenliebe in der Landbevölkerung. Großstädtische Lebensweisen waren eben nicht so einfach ins Dorf zu übertragen.
Angelehnt an die Maschinen-Ausleih-Station (MAS) in Kienitz an der Oder wurde schon 1949 ein Kulturhaus errichtet. Bereits im Jahr 1950 wurde am Dorfanger von Letschin das Theater des Friedens errichtet. Es diente in den Anfangsjahren als Kulturhaus, Kino und Gaststätte. Im Jahr 1960 erfolgte der Umbau als Lichtspieltheater für Breitwandfilme. Nach der Schließung im Jahr 1991 erfolgte die Sanierung. Seit dem Jahr 2000 führt der Verein Altes Kino e.V. im nunmehrigen Haus Lichtblick den Kinobetrieb weiter.
Ein weiteres frühes Beispiel für ein ländliches Kulturhaus ist die Einrichtung in Mallnow aus dem Jahr 1952. Der Bau kostete damals 135.000 Mark! Nach der Schließung infolge der Wende konnte das Gebäude 1996/97 als Dorfgemeinschaftshaus saniert werden und bietet neben einem Saal für 150 Personen auch kleinere Räume für Vereine und Familienfeiern. Die Gemeinde Küstriner Vorland holte in den 1950er Jahren für die Errichtung eines recht groß proportionierten Kulturhauses die Deutsche Reichsbahn ins Boot. Schließlich war der neu eingerichtete Grenzbahnhof nach Polen ein wichtiger Arbeitgeber. Andere Beispiele sind heute in Sachsendorf oder in der Stadt Lebus zu finden.  
In den Anfangsjahren betrachteten manche Dorfbewohner die neuen Einrichtungen noch mit großer Skepsis. Heutzutage erbringen die Gemeinden jedoch große finanzielle Opfer, um „ihren“ Kulturhäusern als Zentren für Vereine, Kultur und Zerstreuung den Weg in die Zukunft zu ebnen.

 

Uwe Schieferdecker

 

 
 

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