Johanna Elberskirchen & Hildegard Moniac

 

 

 

Johanna Elberskirchen

Fotoquelle: Johanna Elberskirchen um 1905. Wikimedia Commons.
 

 

Die Publizistin Johanna Elberskirchen war leidenschaftliche Feministin, umstrittene Sozialdemokratin und außergewöhnliche Vorkämpferin für die Rechte homosexueller Frauen und Männer. Eine Tochter aus sogenannt gutem Hause war sie nicht – doch die Hürden ihrer sozialen Herkunft ermutigen sie nur, darüber zu springen: Bildung, Lohnarbeit als Kassiererin in Rinteln/Westfalen und sogar ein Studium setzte sie für sich durch. Da es Frauen in Deutschland aber nicht nur verboten war, sich politisch zu betätigen und zu wählen, sondern auch ein Studium nicht erlaubt gewesen ist, musste sie dafür 1891 in die Schweiz gehen.

Elberskirchen studierte zunächst Medizin in Bern und bis 1898 Jura in Zürich. Sie schließt jedoch nicht ab, was vermutlich finanzielle Gründe hatte. Spätestens in der Schweiz kam sie mit der ArbeiterInnenbewegung in Kontakt und machte sich 1896 mit harscher Kritik am „System sexueller Ausbeutung” und sozialdemokratischer Doppelmoral nach der Vergewaltigung einer Arbeiterin durch einen Genossen politisch unbeliebt. Es ist ihre erste bekannte Publikation – und nicht die letzte, mit der sie sich gegen wissenschaftliche Autoritäten stellt: „Ich hätte auch schreiben können, Feminismus und Schwachsinn, denn die Kritik, die im Namen der Wissenschaft am Feminismus verbrochen wird, hat oft mit Wissenschaft wenig zu tun.“ Hier handelt sich um den Anfang eines Büchleins aus dem Jahr 1903, in dem Johanna Elberskirchen mit sexistischer Forschung abrechnet. Im Fokus in diesem Fall: der Neurologe Paul Julius Möbius, Autor des Machwerks „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“.

 

Ab etwa 1911 engagierte sich Elberskirchen als Vorsitzende des Jugendausschusses und als Schriftführerin des sozialdemokratischen Vereins Bonn-Rheinbach. Polizeiberichten zufolge galt sie als eine der „Hauptagitatorinnen” der Stadt. 1913 schloss man sie aus der Partei aus: Ihr paralleles „bürgerliches“ Engagement im Preußischen Landesverein für Frauenstimmrecht vertrage sich nicht mit der Sozialdemokratie – besonders bitter für eine, die aufrecht für ein demokratisches Wahlrecht aller Frauen und Männer stritt.

Von 1914 bis in die 1920er Jahre amtierte sie als „Obmann” des Wissenschaftlich humanitären Komitees, war dem Berliner Institut für Sexualwissenschaft des berühmten Arztes Magnus Hirschfeld verbunden und referierte für die Weltliga für Sexualreform in europäischen Städten. Offen lesbisch lebend war Johanna Elberskirchen eine Brückenfigur zwischen Frauen- und Homosexuellenbewegung. Ihre Schriften sind polemisch, provokant und bisweilen unerträglich pathetisch; vielfach sind ihre Überlegungen mit denen sie auf Freiheit, Partizipation, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit zielt, überraschend modern. „Rassenhygienische“, „eugenische“ Überlegungen im engen Sinne von Antisemitismus und Rassismus waren der Sexualreformerin politisch fremd, dennoch schwamm sie unkritisch mit dem bevölkerungspolitischen Zeitgeist. Auch sie war dafür, das „Erbgut“ zu verbessern. Eine distanzierende Stellungnahme sucht man in ihrem Werk vergeblich. Hier zeigen sich die Bruchstellen und Widersprüche auch ihres emanzipatorischen Lebens.

Nach Tätigkeiten als Naturärztin in Finkenwalde (Zdroje) bei Stettin (Szczecin) und in der Berliner Säuglingsfürsorge zog sie 1920 mit ihrer Lebensgefährtin Hildegard Moniac (1891-1967), die sie in Finkenwalde kennengelernt hatte, nach Rüdersdorf bei Berlin. Dort arbeitete Elberskirchen in ihrer eigenen homöopathischen Praxis in ihrem Wohnhaus in der Luisenstraße 32 (heute Rudolf-Breitscheid-Straße 57). Bis 1933 engagierte sie sich wieder in der SPD. Ihre homosexuellen-emanzipatorische Schrift „Die Liebe des dritten Geschlechts“ aus dem Jahr 1904 landete auf der nationalsozialistischen Liste des „unerwünschten Schrifttums“.

 

Einen Antrag an die Reichsschrifttumskammer, deren Mitgliedschaft die Voraussetzung für weitere Publikationstätigkeit im Faschismus gewesen wäre, hat sie nie gestellt. Elberskirchen lebt nunmehr ins Private zurückgezogen, sie wird krank. Hildegard Moniac unterstützt sie in deren Praxis. Dazu hatte die Berlin-Charlottenburger Gewerbeoberlehrerin Zeit. Denn Moniac hatten die Nazis 1933 nach Paragraph 4 Berufsbeamtengesetz als sogenannte politisch unzuverlässige Person zwangsentlassen. Sie war nämlich während der Weimarer Republik Mitfrau in der USPD. Nach dem Krieg wird sie Direktorin der Grundschule Alt Rüdersdorf werden.

 

Johanna Elberskirchen starb am 17. Mai 1943 im Alter von 79 Jahren in Rüdersdorf. Die Urne wurde wenige Tage nach dem 2. Juni 1975, also dreißig Jahre nach ihrem Tod, von zwei Frauen heimlich in der Grabstätte von Hildegard Moniac beigesetzt. Die Geschichte überlieferte eine ungenannt bleiben wollende Zeitzeugin. Sie hatte die Biografin von Johanna Elberskirchen, die in Rüdersdorf nach deren Grab suchte, mit dem Satz überrascht: „Die Urne von Frau Elberskirchen liegt im Grab von Frau Moniac“.

 

Die Gemeinde Rüdersdorf stellte das Doppelgrab auf dem Friedhof Rudolf-Breitscheid-Straße 2002 einstimmig unter Schutz. An dem Grab, das in der Nähe des anonymen Bestattungsfeldes liegt, informieren zwei Tafeln über die beiden ehemaligen Rüdersdorfer Bürgerinnen. Das geschützte Grab und die beiden Tafeln wurden im Sommer 2003 von rund 100 Menschen mit verschiedenen Redebeiträgen und Kulturprogramm feierlich eingeweiht. Seit Ende 2006 erinnert auch an Johanna Elberskirchens Bonner Geburtshaus eine Gedenktafel an die feurige Feministin, mutige Schriftstellerin, Rednerin und Aktivistin.

 

Text: Christiane Leidinger

 

Zum Weiterlesen:

 

Christiane Leidinger: Keine Tochter aus gutem Hause – Johanna Elberskirchen (1864-1943). Konstanz:  UVK 2008. 480 Seiten , 67 Bilder (S/W), Neuer Preis zum 150. Geburtstag: EUR 9,99.